Die Bon Appétit Group (BA Group) kann als Pionier der Webszene bezeichnet werden. Sie hat in einigen Geschäftsbereichen jeweils als erstes Unternehmen der Schweiz massgeblich in die Nutzung der Internettechnik investiert. Mit der Beteiligung an der Le Shop S.A. und der Extranetplattform von Howeg, aber auch mit der Beteiligung an Netpromotions wurden einzigartige Erfahrungen gesammelt, die jetzt in diesen und weiteren Bereichen erfolgreich verwertet werden können.
Die BA Group ist ein Lebensmittelhändler, der sich zunehmend auf die Erbringung von klassischen Dienstleistungen wie die Logistik und den internetgestützten Lebensmittelhandel konzentriert. Bei einem Umsatz von gut 3,3 Milliarden Franken in der Schweiz erwirtschaftete das Unternehmen 2000 einen Gewinn von 50 Millionen Franken. Im Bereich Gastro-Services ist das Unternehmen mit 10% Marktanteil der Marktleader der Schweiz und nimmt im Bereich Retail-Services mit 5% Marktanteil den Platz drei ein. In Frankreich gelingt es, teilweise durch Joint Ventures mit der Metro-Gruppe, ebenfalls eine führende Position im Bereich Gastro-Services innezuhaben.
Um in den E-Commerce-Projekten von professionellen Partnern profitieren zu können, baut sich Jeannine Pilloud ein langfristig ausgelegtes Netzwerk zu Managern anderer Firmen auf. Darunter sind auch E-Business-Verantwortliche aus ganz anderen Branchen. "Man muss aktiv sein, um von Meinungen anderer E-Business-Verantwortlichen profitieren zu können. Das bedeutet, dass man den Draht zu den entsprechenden Experten sucht. Wenn man passiv ist, nützt einem die beste Veranstaltung nichts, auch wenn diese von einer externen Organisation wie First Tuesday getragen wird."
Durch dieses Netzwerk gelingt es der BA Group, vertrauenswürdige Partner für die Umsetzung von E-Commerce-Projekten zu gewinnen. Die Ausgangslage wird allerdings als vergleichsweise gut beschrieben: "Kein wichtiger Lieferant kann es sich leisten, in Projekten mit uns unzulängliche Arbeit zu leisten. Dazu ist unsere Marktstellung zu gut."
Detailhandel: Le Shop und Retail B2B
Gastronomie: Fresh&net, Howeg, Gastrogate
Neue Geschäftsmodelle: Net-tissimo
Abbildung 6.1: Projekte bei der BA Group
Ist schliesslich ein Projekt angebahnt, so wird mit Projektverträgen und Non-disclosure-Agreements dafür gesorgt, dass das gemeinsame Verständnis für das Vorhaben auch rechtlich abgesichert ist. "Die Leute wissen dann, dass sie Informationen geheim halten müssen. Es kommt auf die Auswahl der Partner an und den Vertrag. Wenn Ihnen Externe so wichtig sind, dass es ohne sie nicht geht, müssen Sie die Person namentlich in den Vertrag nehmen. Ich bin der Meinung, dass jeder ersetzbar ist. Man muss einen Lieferanten wählen, der einem Ersatz bieten kann."
7. Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten
In den meisten E-Commerce-Projekten der BA Group geht es um die Unterstützung von zwischenbetrieblichen Prozessen. Aufgrund der Marktmachtstellung der BA Group folgen die Partner oft auch ohne Überzeugungsarbeit der Firmenstrategie: "Die müssen mitziehen, weil sie sonst irgendwann nicht mehr zeitgemäss sind." Langfristig gelingen solche Vorhaben aber trotzdem nur, wenn ein gewisser Mehrwert geboten werden kann, z.B. in Form von zusätzlichen Dienstleistungen über das Netz. Die E-Business-Verantwortliche hat also trotz Marktmacht der BA Group die Funktion, das Anstreben einer bestimmten Lösung zu rechtfertigen und eine Begeisterung dafür zu schaffen.
Daneben erscheint auch eine frühzeitige Vorbereitung neuer Ideen als sehr wichtig: "Als E-Business-Verantwortliche muss man <missionieren>, denn nicht nur die Prozesse, sondern auch das Verhalten der Angestellten und der Kunden muss ändern. Der Nutzen aus dem ganzen E-Commerce muss den Leuten klargemacht werden, da sie diesen innovativen Prozess sonst nicht adaptieren."
Der gesamte Prozess der Meinungsbildung bleibt selbstverständlich immer interaktiv. Alle Parteien haben die Möglichkeit, ihn zu beeinflussen. Das Internet stellt dabei nach den Erfahrungen von Jeannine Pilloud ein interessantes Werkzeug dar: "So kann der Kunde selbst Produktvorschläge anbringen und wird mit Produkten eingedeckt, welche auf sein Einkaufsverhalten abgestimmt sind. Das Internet spielt im Business Network Redesign eine zentrale Rolle, da das Motto der BA Group <Vom Warehouse zum Brain-house> lautet."
Diese kooperative Weiterentwicklung von Geschäftsideen stellt eine grosse Herausforderung dar. Insbesondere weil eben sehr viele Einflüsse zu berücksichtigen sind. "Die Leute erwarten oft, dass eine Netzlösung alles ist. Neue Plattformen sind nicht die Lösung für alles. Man muss gleichzeitig das Business, die Prozesse und das Verhalten ändern. Das ist das, was am schwierigsten ist. Ich nenne das <missionieren>. Man muss immer wieder hingehen und erklären, was der Nutzen aus dem ganzen E-Commerce ist und was nicht."
8. Fazit
E-Commerce nimmt beim Pionier BA Group eine äusserst wichtige Stellung ein. Dies wird dadurch betont, dass das Thema E-Commerce in einer eigenen Geschäftseinheit einerseits zentral mit Einsitz in der Konzernleitung und andererseits dezentral durch Verantwortliche in allen Geschäftsfeldern organisiert ist.
Die BA Group ist der Meinung, dass die Bedeutung von E-Commerce in den kommenden Jahren nochmals stark an Bedeutung gewinnen wird. Dies erscheint als eine sehr gut abgestützte Einschätzung, denn die BA Group hat auf allen Ebenen ihrer Tätigkeiten Pionierleistungen erbracht. Es zeigt sich ebenso deutlich, dass Erfolge bereits heute gemessen werden können. Diese Messungen erlauben der BA Group schliesslich die dosierte Investition in verschiedene Aktivitäten. Neben der konsequenten Unterstützung der bestehenden Geschäftsfelder gilt dies auch für den Aufbau neuer Geschäftsmodelle.
Bei der BA Group zeichnet sich nicht ab, dass der Bereich E-Commerce in naher Zukunft einem der anderen Geschäftsbereiche zugeordnet wird. Das Thema bleibt also bis auf weiteres zentral für die Weiterentwicklung der Tätigkeiten des Konzerns. Die Rolle der E-Business-Verantwortlichen ist deshalb auch fest etabliert. Sie nimmt die Koordination zwischen Geschäftsfeldern, Informatik und Geschäftsleitung wahr.
Diese Fallstudie wurde im Rahmen von CNO-Research erstellt und durch die folgenden Sponsoren mitfinanziert: