Das Handelsunternehmen Brütsch/Rüegger AG ist in der Schweiz die Nummer eins im Handel mit Werkzeugen, Normteilen, Erodierzubehör und Stahlrohren für die Metallverarbeitende Industrie und das Handwerk. Brütsch/Rüegger beliefert 10'000 aktive Kunden. Dieser Abschnitt beschreibt zunächst das Unternehmen, um den Kontext aufzuzeigen, in dem die weiteren Ausführungen (Kapitel 2 bis Kapitel 6) zu sehen sind.
Hintergrund
Bereits im Jahr 1877 wurde das auch heute noch unabhängige Familienunternehmen Brütsch/Rüegger AG gegründet. Zum Unternehmen zählen die Standorte in Regensdorf (Handel mit Stahlrohren) und Urdorf (Handel mit Werkzeugen, Normteilen und Erodierzubehör). Die folgenden Ausführungen beziehen sich ausschliesslich auf den Standort Urdorf.
Brütsch/Rüegger beschäftigt in Urdorf 120 Personen. Die Anforderungen an die Mitarbeitenden sind hoch. Neben hoher Motivation und Zuverlässigkeit werden auch Kreativität und Weiterbildungsbereitschaft erwartet. Die Mitarbeitenden sehen sich dem Unternehmensleitbild verpflichtet. Der Kerngedanke darin lautet wie folgt:
Hart am Wind und dynamisch steuern wir zielgenau in eine erfolgreiche und sichere Zukunft. Flexibel und offen für Neues und Unbekanntes.
Einen geeigneten Rahmen für Flexibilität und Innovation bietet bei Brütsch/Rüegger die Organisationsstruktur. Kurze Entscheidungsprozesse, moderne Kommunikation und kostensenkende Beschaffungslösungen fördern die Qualität der angebotenen Dienstleistungen.
Branche, Produkte und Zielgruppe
Brütsch/Rüegger selbst ist ein reines Handelsunternehmen und führt als Vollsortimenter 80'000 Qualitätswerkzeuge und Normteile von über 700 weltweit führenden Lieferanten. Die Produkte sind weitgehend standardisiert, gut beschreibbar und katalogisierbar. Sie eignen sich daher gut für den Vertrieb über das Internet. Das qualitativ hochwertige Artikelsortiment umfasst vier Produktgruppen:
- Messtechnik (z.B. Messgeräte, Richtwerkzeuge, optische Instrumente)
- Fertigungstechnik (z.B. Bohr-, Fräs- und Drehwerkzeuge, Spanntechnik)
- Montagetechnik (z.B. Schraubenzieher und ähnliches, Elektrowerkzeuge, Werkstatteinrichtungen)
- Normteile und Erodierzubehör (z.B. Normalien, Maschinenbauteile, Erodierdraht)
Brütsch/Rüegger bietet zu den Produkten eine Fachberatung mit Aussen- und Innendienst an sowie eine Produktbetreuung über den gesamten Lebenszyklus. Dazu gehört auch ein Schleif- und Kalibrierservice.
Zu den Kunden zählen die Metallverarbeitende Industrie, das Handwerk, der Werkzeug- und Formenbau, die Bauindustrie sowie weitere Industrie- und Serviceunternehmen. Brütsch/Rüegger beliefert ausschliesslich Geschäftskunden (B2B) und zwar hauptsächlich in der Schweiz.
Aufgrund von Produktionsverlagerungen seitens der Abnehmer ins Ausland stagniert das Marktpotenzial derzeit. Der Wettbewerbsdruck unter den wenigen nationalen Anbietern ist hoch. Neben den Hauptwettbewerbern, die ebenfalls ein Vollsortiment anbieten, bedienen etliche kleine, lokale Anbieter Teilbereiche dieses Marktes.
Vorteile gegenüber der Konkurrenz zieht Brütsch/Rüegger insbesondere aus der überdurchschnittlichen Produkt- und Dienstleistungsqualität, aus der hohen Lieferbereitschaft und aus den kurzen Lieferzeiten. Auch nachhaltige Beziehungen zu erstklassigen Produzenten bilden einen entscheidenden Erfolgsfaktor. Die Qualität des breiten und tiefen Sortiments ist auf die Bedürfnisse der professionellen Abnehmer abgestimmt. Bei den Artikeln, die sich auf Lager befinden, erzielt Brütsch/Rüegger eine Lieferbereitschaft von über 99 % bei tagfertiger Lieferung. Bestellungen, die bis 17 Uhr eingehen, werden noch am selben Tag ausgeliefert. Der Lagerbestand erreicht zurzeit einen Wert in Höhe von 23 Mio. CHF.
Unternehmensvision
Brütsch/Rüegger sieht ihre Kunden als die wichtigsten Partner im Unternehmenskonzept an und setzt auf nachhaltige Beziehungen zu allen Partnern. Das Zusammenspiel von Vertrauen, gegenseitiger Wertschätzung, Zufriedenheit und höchster Qualität soll den Unternehmenserfolg sichern.
Auch künftig möchte Brütsch/Rüegger wirtschaftlich unabhängig bleiben. Dazu sollen der Gewinn und die Sicherung der Marktanteile beitragen. Das Unternehmen strebt eine hohe Ertragskraft und eine weiterhin gesunde Eigenkapitalbasis an.
Dieses Kapitel beschreibt die E-Business-Strategie und deren Verankerung in der Unternehmensstrategie von Brütsch/Rüegger. Vorgestellt werden ferner das Zusammenspiel von ERP-System und E-Business-Software sowie die Partner, die Brütsch/Rüegger bei der Realisierung der Lösungen unterstützen.
Zusammenspiel von Unternehmensstrategie und E-Business-Strategie
Der Einsatz von Informationstechnik im Allgemeinen und E-Business im Speziellen ist für Brütsch/Rüegger Mittel zum Zweck. Im Zentrum der strategischen Ziele stehen die Bedürfnisse der Kunden. IT-basierte Applikationen werden so gestaltet, dass sie diese Bedürfnisse – vor allem den Wunsch der Kunden nach einer optimierten End-to-End-Bestellabwicklung von der Auswahl der Artikel bis hin zur Rechnungsstellung – optimal erfüllen. Dies ist auch der Grund, weshalb Brütsch/Rüegger schon früh in einen Online-Shop investiert hat und heute verschiedene Arten der B2B-Integration anbietet. Die Varianten reichen von der einfachen Bestellung im E-Shop bis hin zum Export des elektronischen Produktkataloges in E-Procurement-Applikationen und Back-End-Systeme des Kunden.
Die Einführung des ERP-Systems und die interne Integration verfolgen primär das Ziel, die Logistik und die Verkaufsprozesse zu optimieren. Aber auch dies ist kein Selbstzweck. Optimierte Logistik- und Verkaufsprozesse schaffen erst die Voraussetzung, um dem Kunden eine schnelle und wirksame Auftragsabwicklung bieten zu können.
Die externe Integration verfolgt primär das Ziel, die Dienstleistung von Brütsch/Rüegger in die Wertschöpfungskette der Kunden zu integrieren und damit den Serviceaspekt (hohe Lieferbereitschaft, kurze Lieferzeiten, Prozessoptimierung beim Kunden) zu untermauern. Sowohl Bestellung als auch Zahlungsabwicklung sollen auf elektronischem Wege möglich sein und Transaktionsprozesse auf diese Weise optimiert werden (End-to-End-Integration). In Zukunft möchte Brütsch/Rüegger über 50 % des Umsatzes auf elektronischem Wege abwickeln.
Zusammenspiel von ERP-System und E-Business-Software
Die Ziele der internen und der externen Integration haben komplementären Charakter, d.h. sie ergänzen sich. Indem die interne Integration darauf abzielt, die internen Prozesse zu optimieren, schafft sie eine wichtige Voraussetzung für die Optimierung der Kommunikations- und Transaktionsprozesse mit dem Kunden. Die externe Integration unterstützt zum einen direkt diese Kundenprozesse, zum anderen aber durch die Reduktion manueller Tätigkeiten auch die internen Prozesse.
Auf der Ebene der Informationssysteme wird ein reibungsloses Zusammenspiel der ERP- und E-Business-Komponenten dadurch erzielt, dass alle Komponenten mehr oder weniger aus einer Hand gekauft wurden. Die Integration dieser Systeme war nicht grundsätzlich neu, sondern hatte sich an anderer Stelle bereits bewährt. Ähnliches gilt für eine Messaging-Plattform, die für die unternehmensübergreifende Integration mit den Informationssystemen der Kunden sorgt.
Partner
An Aufbau und Betrieb der integrierten E-Business-Applikation von Brütsch/Rüegger sind mehrere Partner beteiligt. Sie übernehmen unterschiedliche Rollen:
ERP-Anbieter und Informatikpartner
Die beschriebene Lösung wurde in erster Linie in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Unternehmen Polynorm Software AG, Glattbrugg, realisiert. Polynorm bietet die Standardsoftware i/2® an, ein modular aufgebautes ERP-II-System mit einem integrierten Content Management System (CMS) der Münchner Firma ic4b.
Datenbank- und Messaging-Plattform-Anbieter
Die Software von Polynorm basiert durchgängig auf standardisierten Entwicklungstools, Datenbanksystemen und Messaging-Servern der Progress Software Corporation, Bedford (MA). Die Umsetzung der Messaging-Plattform Sonic ESB (Enterprise Service Bus) wurde von der Progress Software AG, Dietikon, realisiert.
Anbieter der medienneutralen Datenbank
Zur Unterstützung der Erstellung verschiedener Katalogvarianten (Printkataloge, Kataloge auf CD-ROM, elektronische Kataloge) wird die medienneutrale Datenbank mediaSolution2 (mS2) eingesetzt. Sie wird von der Stämpfli all media AG, Bern, entwickelt und vertrieben.
Partnerwahl
Die Partnerschaft zu Polynorm besteht seit Beginn der Einführung des ERP-Systems i/2® im Jahre 2001. Die Partnerschaft zu Progress ergab sich zum einen über Polynorm, zum anderen wurde aber auch eine mehrstufige Evaluation von Integrations-Plattformen durchgeführt, die zur Entscheidung für die Messaging-Plattform Sonic ESB führte. Die Zusammenarbeit mit Stämpfli all media war die Folge einer langjährigen Beziehung im Zusammenhang mit unterstützenden Dienstleistungen, die von der Stämpfli-Gruppe im Printbereich bezogen wurden.
Für die Einführung der Messaging-Plattform und die Schaffung der Voraussetzungen für die Anbindung von Kunden über das Ariba SN wurde eine fach- und unternehmensübergreifende Projektgruppe gebildet. Ihr gehörten der Leiter und ein weiterer Mitarbeiter der IT-Abteilung von Brütsch/Rüegger an sowie Mitarbeitende des Verkaufs, die die Bestellungen bis dahin manuell abgewickelt hatten. Auf der technischen Seite übernahm Polynorm die Projektleitung.
Im Rahmen des Projektes wurden zuerst die unternehmensübergreifenden Prozesse gestaltet, bevor die passende IT-Unterstützung ausgewählt wurde. Die internen Prozesse wurden daran angepasst, um die nötige interne Basis zu schaffen. Brütsch/Rüegger entwickelte die Konzeption der elektronischen Anbindung von Kunden selbst, eine externe Strategie- und Kompetenzberatung wurde nicht in Anspruch genommen.
Um die Akzeptanz der Mitarbeitenden gegenüber den neuen Systemen zu erhöhen und einen reibungslosen Prozessablauf zu gewährleisten, wurden die Mitarbeitenden von der Lösung überzeugt und intern geschult. Auch Kunden erhalten eine Schulung, wenn sie an den Toolshop angebunden werden.
Spezialitäten der Lösung
Die E-Business-Lösung von Brütsch/Rüegger zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus:
- Die Funktionalität der Messaging-Plattform Sonic ESB bietet volle Flexibilität für die direkte B2B-Integration von Kunden und Lieferanten. Die Gründe dafür liegen insbesondere in der Verarbeitbarkeit mehrerer Daten- und Transportformate und in der einheitlichen Integrationsfunktion im ERP-System i/2® für ein- und ausgehende Daten.
- Die Lösung bietet ein hohes Mass an Transaktionssicherheit, Prozessqualität, Verfügbarkeit und Ausfallsicherheit.
- Der Aufwand für die B2B-Anbindung neuer Kunden ist deutlich gesenkt worden.
- Die Kunden begrüssen die Nutzung des Systems, weil dadurch die Transaktionsprozesse sehr zuverlässig ablaufen und gleichzeitig die Prozesskosten sinken.
Lessons Learned
Aus den ersten Erfahrungen mit der beschriebenen Lösung zeigt sich, dass ihr Erfolg im Wesentlichen auf der Kombination aus Vermarktung, Ausrichtung auf Kundenbedürfnisse, technischer Umsetzung und Stabilität beruht. Da die Lösung für die Kunden von Brütsch/Rüegger geschaffen wurde und einzelne Kunden bereits darauf warteten, war während des Projekts die Termineinhaltung besonders wichtig. Um diese zu gewährleisten, erwies sich ein sauberes Projektmanagement als unabdingbar.
Die Integration mehrerer, in sich abgeschlossener Informationssysteme stellt hohe Anforderungen an die verwendeten Technologien. Die Basistechnologie der eingesetzten Komponenten sollte aus einem Guss sein. Bei der Gestaltung der Systemarchitektur sollten Sicherheitsaspekte und die unterschiedlichen technologischen Lebenszyklen der Systeme beachtet werden. Grundsätzlich sind ERP-Systeme gegenüber kommunikationsorientierten Technologien wie der Messaging-Plattform eher starr. Eine Weiterentwicklung der Messaging-Plattform sollte deshalb möglich sein, auch ohne das ERP-System grundlegend zu ändern.
Bei der Anbindung neuer Kunden ist es nahezu unabdingbar, dass auch der Kunde über ein gewisses Know-how verfügt und in die Projektführung eingebunden wird. Als besonders wichtig stellte sich die Trennung von Kundenlogik und eigener ERP-Logik heraus. Mit der Messaging-Plattform konnte hier eine gewisse Entkopplung geschaffen werden. Die Messaging-Plattform verarbeitet die kundenspezifische Logik, das ERP-System arbeitet nur mit der eigenen Logik.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die beschriebene E-Business-Lösung eine wirtschaftliche und sichere elektronische Integration von Kunden und Lieferanten ermöglicht. Ganz im Sinne des Unternehmensleitbildes schafft sich Brütsch/ Rüegger damit auf diesem Gebiet eine hohe Flexibilität und Dynamik.