Lesen.ch startete am 9. Februar 1998 als erste rein virtuelle Buchhandlung der Schweiz mit dem Verkauf von Büchern. Die beiden Gründer, Christoph Bürgin und Armin Luginbühl, haben sich drei Monate Zeit genommen, um sich auf den Markteintritt vorzubereiten. In dieser Zeit ist die erste Website sowie die Planung des Betriebs entstanden.
Hintergrund
Lesen.ch beschäftigt heute 4 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich vorwiegend mit buchhändlerischen Aufgaben beschäftigen. Der Unterhalt der IT-Infrastruktur, die Lagerhaltung und der Transport sind ausgelagert.
Als ehemalige Führungskraft eines bedeutenden Buchhändlers der Schweiz, entschied sich Christoph Bürgin zum Schritt in die Selbständigkeit und gleichzeitig zum virtuellen Buchhändler vor allem deshalb, weil die Anpassung an die Möglichkeiten des Internethandels bei traditionellen Anbietern aus seiner Sicht unvertretbar langsam ablief.
Den Schritt wagte er, obwohl zu der Zeit bereits virtuelle Buchhandlungen von ungleich finanzkräftigeren Unternehmen bestanden. Er ist davon überzeugt, dass auch im Internet Nischenstrategien möglich sind. 2001 hat Lesen.ch den KMU-Oscar der FDP erhalten. Damit wurden das Engagement und der Erfolg ausgezeichnet.
Branche, Produkte, Zielgruppen
Lesen.ch verkauft Bücher, Videos und DVDs sowie Software an Endkunden. Damit ist das Unternehmen vergleichbar mit der Mehrzahl der Detailhändler im Büchermarkt. Durch die fehlende physische Präsenz werden z.B. Kurzentschlossene, die vor der Abreise in die Ferien ein Buch zur Unterhaltung kaufen möchten, nicht erreicht. Die starke virtuelle Präsenz erschliesst im Gegenzug diverse Kundengruppen, die den Konkurrenten verschlossen bleiben.
Lesen.ch befindet sich, wie andere virtuelle Händler auch, in einer Doppelrolle. Einerseits sind ihre Konkurrenten im Markt für Bücher zu finden, andererseits aber auch im Markt für Softwarelösungen zum Betrieb von Verkaufsportalen.
Der Büchermarkt der Schweiz ist noch immer geprägt von einer faktischen, vertikalen Preisbindung. Die Endverkaufspreise sind deshalb bei allen Buchhändlern identisch. Das Marktvolumen stagniert seit Jahren bei ca. 800 Mio. CHF. Derzeit realisieren ausländische virtuelle Buchhändler ca. 2.5 % dieses Umsatzes. Insgesamt dürfte der Anteil des virtuellen Handels bei 15 % liegen. Der Markt ist also stark vom stationären Handel dominiert. Dort sind Überkapazitäten festzustellen, die zu einem Konzentrationsprozess führen. Der traditionelle Versandhandel ist mit einigen Vertretern eine ernst zu nehmende Konkurrenz, gegen die sich Lesen.ch durch Differenzierungsmassnahmen abgrenzt.
Der Markt für Softwarelösungen zum Betrieb von Verkaufsportalen ist im Gegensatz dazu noch in der Pionierphase. Vor allem fehlende Standards zur durchgängigen Gestaltung von Geschäftsabläufen im Internet, aber auch der erhebliche Reorganisationsbedarf führen dazu, dass Unternehmen mit funktionierenden Lösungen immer wieder Geschäftschancen wahrnehmen können.
Nachts und am Wochenende verkauft Lesen.ch vorwiegend an Privatkunden (B2C), tagsüber dagegen an Firmen, Institutionen und Verwaltungen (B2B). Die Kunden von Lesen.ch sind grundsätzlich keine Schnäppchenjäger. Sie bauen auf sicheres Fulfillment bei fairen Preisen und guter Beratung. Trotzdem bietet Lesen.ch regelmässig Sonderangebote an (z.B. 5 Bücher von verschiedenen Schweizer Autoren zu einem Vorzugspreis). Lesen.ch verzichtet darauf, ein eigenes Bonusprogramm zu gestalten. Damit die Kunden trotzdem belohnt werden, wenn sie möglichst häufig bei Lesen.ch einkaufen, wurde mit dem Qualiflyer-Programm eine Partnerschaft eingegangen. Interessanterweise ist diese Partnerschaft äusserst erfolgreich. Die emotionalen Aspekte des Reisebonusprogramms sind nach Einschätzung von Armin Luginbühl beachtenswert.
Etwa 60 % der Bestellungen stammen von Kunden, die bereits in der Vergangenheit bei Lesen.ch eingekauft haben. Die meisten bestellen aus der Schweiz.
Prozesse
Der Geschäftsprozess "Bestellungsbearbeitung" bei Lesen.ch ist bereits nach den ersten Erfahrungen neu gestaltet worden. Anfangs war es opportun, die Auslieferung der Waren direkt vom Grosshändler durchführen zu lassen, um die Lieferzeit möglichst kurz zu halten. Lesen.ch hat, damit dies möglich wurde, in Zusammenarbeit mit einem wichtigen Grosshändler, dem SBZ, dieses Outsourcingangebot getestet. Unter dem Namen BookIt bietet das SBZ heute diese Dienstleistung auch Dritten an.
Nach der Einführung von Eurobook hat Lesen.ch aber die Möglichkeit, sehr schnell denjenigen Lieferanten zu finden, der die bestellte Ware am schnellsten liefern kann. Dadurch spart Lesen.ch derart viel Zeit, dass die Verzögerung von einem Arbeitstag durch die Auslieferung über Lesen.ch überkompensiert wird. Der wichtigste Vorteil des neuen Geschäftsprozesses ist, dass Lesen.ch die Waren prüfen kann, bevor sie zum Kunden geschickt werden. Zudem besteht auch immer die Möglichkeit, Sonderangebote und Zugaben kundenspezifisch vorzunehmen. Solche kundenindividuellen Leistungen sind Bestandteil der Differenzierung von Lesen.ch. Deshalb ist die Reintegration des Versandes in Lesen.ch sowohl taktisch wie strategisch zielführend (vgl. Abb. 4.1).
[Geschäftsprozesse]

Abb. 4.1: Teilprozess Fulfillment vor und nach dem Redesign.
Softwarelösung
Die Gesamtlösung besteht aus Teilen von Eurobook, ComelivresNet, SesamNT und für Lesen.ch spezifisch programmierten Komponenten (vgl. Abb. 4.2).
Lesen.ch nutzt von Eurobook die folgenden Funktionalitäten:
- Verfügbarkeitsabfragen und Bestellungen werden mit Hilfe von Eurobook an ComelivresNet gesendet.
- Rechnungen und Lieferscheine können direkt generiert und gedruckt werden.
- Eurobook hält, von jedem Arbeitsplatz aus einsehbar, die Kunden- und Lieferanteninformationen bereit.
ComelivresNet ist eine Dienstleistung der Comelivres AG. Es handelt sich dabei um ein System von Konvertierungsprogrammen. Bestellungen von Lesen.ch aus Eurobook gehen bei ComelivresNet in einem einheitlichen Datenformat ein. ComelivresNet entscheidet aufgrund von mitgelieferten Parametern, bei welchem Lieferanten die Bestellung platziert werden soll. Je nach der Infrastruktur beim Lieferanten wird die Bestellung daraufhin per Fax oder per FTP weitergeleitet. Die Rückmeldungen der Lieferanten erfolgen wiederum zu ComelivresNet und werden dort wieder in das einheitliche Datenformat umgewandelt. Lesen.ch erhält schliesslich eine Übersicht über die Bestellung und kann diese in Eurobook wieder abfragen. Derselbe Vorgang wird für die Verfügbarkeitsabfragen benutzt.
[Systemarchitektur] 
Abb. 4.2: Softwarelösung.
Über SesamNT wird die Buchhaltung abgewickelt. Im Fulfillmentprozess spielt diese Komponente lediglich für die Debitorenkontrolle eine Rolle.
Folgende Eigenentwicklungen werden durch die Lombardini Software AG realisiert:
- Artikeldatenbank für die Anzeige auf der Website und Synchronisation mit den Artikeldatenbanken der Lieferanten über proprietäre Datenformate mit täglichem Update (automatisiert, Batchbetrieb).
- Shoppinglösung für die Website und Export der Warenkörbe in Eurobook per E-Mail mit XML-Body (automatisiert, realtime).
- Admin-Tool zur Verwaltung der Bestellungen, die automatische Information der Kunden über die Lieferzeiten sowie die manuelle Datenerfassung besonderer Artikel.
- Funktion, mit der die Kunden ihre Bestellungen verfolgen können.
Herr Lombardini hat die Erfahrung gemacht, dass die Schnittstellen zu Eurobook einfach handhabbar sind, weil mit modernen Standards gearbeitet wird. Dagegen ist die Integration der Datenbanken der Lieferanten aufwendig, denn jeder Lieferant benutzt für die Datenlieferung eine eigene, teils recht komplexe Semantik.
Technische Plattform
Die Website von Lesen.ch läuft auf Basis des Internet Information Servers 4.0. Die Datenbank von Lesen.ch und auch Eurobook sind in MS SQL 7.0 umgesetzt und jeweils auf einem NT-Rechner installiert.

Abb. 4.3: Technische Plattform.
Bei Lesen.ch ist ein Ethernet mit 10 MB/s Übertragungsrate verlegt, über das alle PCs und Macs auf das Internet zugreifen. Der Webserver wird von TIC The Internet Company AG betrieben. In der Abb. 4.3 ist das Netzwerk aufgezeichnet, wobei die Hardware bei den Externen nicht vollständig aufgeführt ist.