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Leimstoll, Uwe (2009): Fallstudie Digitec: E-Commerce mit Individualsoftware, in: Wölfle, Ralf; Schubert, Petra (Hrsg.): Dauerhafter Erfolg mit Business Software - 10 Jahre Fallstudien nach der eXperience Methodik, München: Hanser Verlag, 2009, S. 217-234. |
Hintergrund, Branche, Produkte und Zielgruppe
Das Unternehmen Digitec besteht seit dem Jahr 2001. Digitec startete als reiner Onlineanbieter. Seit Beginn der Geschäftstätigkeit gibt es für die Kunden aber die Möglichkeit, die bestellten Produkte selbst abzuholen. Das erste Ladengeschäft mit persönlichem Verkauf wurde im Jahr 2003 in Zürich eröffnet.
Den Beginn des Unternehmens markiert die Freischaltung eines Onlineshops. Das Geschäft wurde in den Semesterferien von drei Studenten gegründet. Ohne viel Zutun der Gründer wurde der Shop im Internet von Interessenten gefunden und zur grossen Überraschung bestellten erste Kunden auch Produkte. Das Unternehmen startete mit den drei Gründern und einem Mitarbeiter für die Assemblierung von PCs.
Acht Jahre später, im Jahr 2009, beschäftigt Digitec insgesamt 168 Mitarbeitende. Dies entspricht einem Vollzeitäquivalent (FTE) von 150 Mitarbeitenden. Digitec hat sich zu einem Einzelhändler mit zentralem Logistikzentrum, mehreren Ladengeschäften und einem gut ausgebauten Onlineshop entwickelt. Das Unternehmen wächst überdurchschnittlich. Weitere Geschäftseröffnungen, z.B. in Kriens, sind für September 2009 geplant.
Die Branche der Informationstechnik (IT) und Unterhaltungselektronik zeichnet sich durch besondere Eigenschaften aus. Zum einen haben die Umsätze in den letzten Jahren stetig zugenommen. Ursächlich dafür ist die Innovationstätigkeit der Hersteller, die gleichzeitig zu teilweise extrem kurzen Produktlebenszyklen führt. Zum anderen prägen niedrige Margen schon seit vielen Jahren die Branche auf allen Handelsstufen. Dies zwingt die Händler, ihre Prozesse sehr effizient zu gestalten und Waren möglichst kostengünstig einzukaufen.
Die Branchenstruktur ist durch eine mehrstufige Handelskette gekennzeichnet. Von Herstellern und internationalen Grosshändlern geht die Ware zunächst an Distributoren, die die Versorgung des Einzelhandels übernehmen, meist national beschränkt. In den vergangenen Jahren etablieren sich zunehmend direkte Vertriebswege, nicht zuletzt auch durch die zunehmende Verbreitung von E-Commerce. Hersteller beliefern in zunehmendem Umfang den Einzelhandel oder auch direkt den Endkonsumenten (Direktvertrieb).
Wie in vielen Branchen entwickelt sich auch im Bereich von IT und Unterhaltungselektronik der Trend dahin, dass die Umsätze im E-Commerce-Kanal stärker steigen als in anderen Kanälen. Die Kunden schätzen zunehmend die Transparenz des Internets und informieren sich dort ausführlich über Produkte und Preise, bevor sie einkaufen.
Den Ursprung und heute immer noch wichtigen Standpfeiler von Digitec bildet der Handel mit Computerhardware. Seit einigen Jahren gehören auch Telekommunikation, Unterhaltungselektronik und Foto/Video zum Sortiment sowie weitere IT-Produkte, wie Notebooks, Drucker, Monitore, Software. Das Angebot von Digitec umfasst 25'000 Artikel. Davon sind 5'000 Artikel in eigenen Lagern verfügbar.
Digitec konzentrierte sich bisher auf den B2C-Bereich. Der Verkauf erfolgt ausschliesslich in der Schweiz. Der seit Mai 2008 in Aufbau befindliche B2B-Bereich wächst schnell.
Unternehmensvision
Die Wettbewerbsstrategie von Digitec wird weiterhin auf der Kombination von Onlineshop, Ladengeschäft, Backoffice und Call Center basieren (Mehrkanalvertrieb, Multi-Channel-Vertrieb). Guter Service, kompetente Beratung und Dienstleistungen ergänzen das umfassende Kernsortiment. In den kommenden Jahren möchte Digitec sein Leistungsspektrum kontinuierlich verbessern. Die Digitec-Ladengeschäfte sollen dem klassischen Einzelhandel in nichts nachstehen, die Produkte aber zu den Preisen eines reinen Onlineanbieters zu haben sein. Für den Kunden resultiert aus dieser hybriden Strategie (gute Qualität zu niedrigen Preisen) ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.
Stellenwert von Informatik und E-Business
Informatik und E-Business sind für Digitec eine zentrale Voraussetzung, um eine hohe Effizienz zu erzielen. Eine optimale Abstimmung der Informationssysteme auf die Abläufe von Digitec liess sich nur mit einer Eigenentwicklung [Individualsoftware] von Auftragsverarbeitung, Warenwirtschaft, Kundenverwaltung (im Folgenden als ERP-System bezeichnet) und Onlineshop mit vertretbarem Aufwand realisieren. Wenn Abläufe sich ändern, kann das System innerhalb von Stunden angepasst werden. Dies schafft eine erhebliche Flexibilität. Die Eigenentwicklung von ERP-System und Onlineshop zählt damit zu den Kernkompetenzen von Digitec.
Aufgrund des wachsenden Transaktionsvolumens mussten die zentralen IT-Systeme im Jahr 2005 auf eine leistungsfähigere Datenbank umgestellt werden. In diesem Zuge wurde im Jahr 2004 eine umfassende Evaluation der marktüblichen ERP- und Shop-Systeme durchgeführt. Berücksichtigt wurden dabei sowohl die Kosten der Systeme als auch ihre Eignung für die Prozesse bei Digitec.
Die Evaluation kam zum Ergebnis, dass die verfügbare Standardsoftware zu unflexibel war und eine Anpassung an die spezifischen Prozesse von Digitec viel zu kosten- und zeitintensiv gewesen wäre. Bei vielen Softwareprodukten war darüber hinaus die Bedienung sehr benutzerunfreundlich (niedrige Usability). Auf Basis dieses Evaluationsergebnisses wurde die Entscheidung getroffen, ERP-System und Onlineshop individuell zu entwickeln.
Die Individualentwicklung wird von Digitec überwiegend selbst vorgenommen. Externe Geschäftspartner sind kaum einbezogen. Die Mitarbeit von Lieferanten, wie z.B. Also, TechData, Ingram, Littlebit, war eine wichtige Voraussetzung, damit Bestellungen bei den Lieferanten elektronisch abgewickelt werden können.
Schubert, Petra; Leimstoll, Uwe; Dettling, Walter (2006): Netzreport 06: Informatik in Schweizer KMU – Die Bedeutung der Informatik in KMU und anderen Schweizer Organisationen, Basel: Netzmedien AG und Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Institut für angewandte Betriebsökonomie (IAB), Arbeitsbericht E-Business Nr. 25, 2006.
Schubert, Petra; Leimstoll, Uwe (2007): Netzreport 07: Informatik in Schweizer KMU – Die Beschaffung von Informatikressourcen in KMU und anderen Schweizer Organisationen, Basel: Netzmedien AG und Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Institut für Wirtschaftsinformatik, Management Summary, 2007.