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Semar, Wolfgang (2009): Weiss+Appetito Holding AG: Eine Software für den ganzen Konzern, Fallstudie, in: Wölfle, Ralf; Schubert, Petra (Hrsg.): Dauerhafter Erfolg mit Business Software - 10 Jahre Fallstudien nach der eXperience Methodik, München: Hanser Verlag, 2009, S. 51-64. |
Die Geschichte der Weiss+Appetito AG (W+A) geht bis ins Jahr 1923 zurück, in dem Otto Weiss das Bauunternehmen gründete. Seit 1981 trägt das Unternehmen den Namen Weiss+Appetito AG. Heute besteht die W+A-Gruppe aus vier juristisch eigenständigen Tochterunternehmen, die unter einem Holdingdach mit Hauptsitz in Bern zusammengefasst sind. Zu ihr gehören Mitte 2009 20 selbständige Betriebe an 22 Standorten, davon drei im nahen Ausland. Die Unternehmensgruppe beschäftigt mehr als 380 Mitarbeitende und 25 Auszubildende. Während der Sommermonate werden zusätzlich bis zu 100 freie Mitarbeitende eingestellt. Der Jahresumsatz der Gruppe betrug im Jahr 2008 110 Mio. CHF.
W+A bietet ein breites Spektrum an Dienstleistungen im Bausektor an. Das besondere an dem Unternehmen ist, dass es den Mitarbeitenden gehört. Die Mitglieder des obersten Kaders bilden seit 1972 in der „Weiss+Appetito Beteiligungs AG“ eine Eigentümerpartnerschaft und sichern somit eine erbunabhängige Nachfolge. Durch die Beteiligungs-AG wird gewährleistet, dass mindestens 51 % des Aktienanteils in Mitarbeiterhänden verbleiben. Derzeit sind von den 114 Aktionären 52 aktiv im Unternehmen tätig, elf weitere sind bereits pensioniert. Die Beteiligungs-AG und die restlichen Aktienanteile bilden zusammen die „Weiss+Appetito Holding AG“, der wiederum die bereits angesprochenen vier Tochterunternehmen unterworfen sind:
Damit es dazu kommen konnte, mussten in der zweijährigen Vorbereitungszeit auch zahlreiche Abstimmungen zwischen den Beteiligten der Gruppengesellschaften wegen der Stammdaten erfolgen. ABACUS ERP ermöglichte, die Anforderungen weitestgehend umzusetzen – zu Restriktionen kam es eher aufgrund organisatorischer Überlegungen bei der Pflege von Stammdaten. Das Migrationsprojekt auf die neue Anwendung war zugleich auch ein Stammdatenreorganisationsprojekt.
Aufnahme der Anforderungen an die Stammdaten im Projekt
Die einzelnen W+A Betriebe haben ganz unterschiedliche Anforderungen an die Stammdaten. Neben den bereits vielfältigen Anforderungen der baunahen Betriebe können das z.B. Anforderungen eines chemischen Betriebes sein, der Giftklassen und Chargen verwalten muss, oder einer Autowerkstatt, die standardisierte Servicearbeiten ausführt.
In der Phase Voranalyse des Migrationsprojekts wurden die Anforderungen der Betriebe an die Stammdaten aufgenommen. Sie wurden, wie alle anderen Anforderungen an das ERP-System, strukturiert in Interviews mit den Verantwortlichen der einzelnen Betriebe und Bereiche erfasst. Die Ergebnisse der einzelnen Interviews wurden anschliessend in einem Kriterienkatalog strukturiert und hierarchisch in einzelne Fachgebiete aufgeteilt und konsolidiert. Der Kriterienkatalog umfasst Fachbereiche wie z.B. Betriebsbuchhaltung, Finanzbuchhaltung, Anlagebuchhaltung, Lohnbuchhaltung, Pensionskasse oder CRM. Jede Anforderung wurde zudem als „muss“ oder „kann“ deklariert. Anforderungen, die mit „muss“ deklariert wurden, mussten zwingend durch die neue Business Software erfüllt werden können.
Im Rahmen der Konsolidierung der Anforderungen wurden die Eigenheiten der Betriebe beurteilt. Sofern ein Betrieb Anforderungen hatte, die für die ganze W+A Gruppe sinnvoll ist, wurden sie in den Anforderungskatalog aufgenommen. Ein Beispiel sind Verknüpfungen von mehreren Ansprechpartnern aufseiten W+A zu einem Kunden mit möglicherweise verschiedenen Ansprechpartnern beim Kunden.
In den Anforderungskatalog wurden aber auch Eigenheiten übernommen, die nur für einen einzelnen Betrieb Bedeutung haben, z. B. wenn dieser über Jahre einen speziellen Datenstamm aufgebaut, genutzt und gepflegt hat. Grundsätzlich konnten die Betriebe jede Anforderung an Struktur und Funktionen zu Stammdaten stellen, mussten dann allerdings bereit sein, die notwendigen Daten aufzubauen und langfristig zu pflegen – nicht nur zum Zeitpunkt der Migration. Anforderungen wurden nicht aufgenommen, wenn für die Datenpflege die nötigen Ressourcen nicht langfristig aufgebracht werden konnten. Dieses pragmatische Vorgehen hat dazu beigetragen, dass nicht „nice to have“, sondern nur „must have“-Anforderungen in das Migrationsprojekt einflossen.
Migration der Stammdaten
In der Phase Implementierung des Projekts wurde die Migration der Stammdaten vom alten System auf das neue durchgeführt. Diese Arbeiten waren vorbereitend auf den Umstellungszeitpunkt vom 01.01.2008 durchzuführen.
Für die Migration von Altsystemen auf das neue ERP-System wurden die Stammdaten nicht automatisiert übernommen. Je nach Umfang wurde sie entweder aus dem alten System in Tabellen exportiert oder bei einem geringen Umfang manuell in Microsoft Excel Tabellen erfasst. Die exportierten Stammdaten wurden durchgeforstet und bereinigt. Dabei konnten viele Doppelerfassungen aufgelöst und obsolete Daten gelöscht werden. Im Anschluss wurden die erstellten Tabellen über die Importfunktion in das neue ERP-System eingelesen.
Für die Migration der Stammdaten haben Teilzeit arbeitenden Personen ihren Anstellungsgrad temporär erhöht. Ausserdem wurden Studenten temporär eingestellt. Pro Stammdatenkategorie wurden immer die gleichen ein bis zwei Mitarbeitenden eingesetzt, um die Logik bei der Bearbeitung konsistent zu halten. Die Übertragung der ca. 6000 Adressstammdatensätze mit rund 20'000 hinterlegten Ansprechpartnern dauerte ungefähr zwei Wochen. Der Übertrag der Stammdaten der Anlagegüter erfolgte ebenfalls manuell im gleichen Zeitraum.
Bei der Migration wurden fast alle Stammdatensätze mit einer neuen Nummer versehen (Adressnummer, Debitorennummer etc.). Einzig die Anlagestammdaten wurden nicht neu nummeriert. Bei der Neunummerierung wurde überlegt, ob man „sprechende“ Nummern vergeben soll, in denen bestimmte Eigenschaften der Objekte verschlüsselt sind. Von dieser Idee ist man jedoch abgekommen, da die Nummerierung zu komplex geworden wäre und zu langen Nummern geführt hätte. Bei einer IT-basierten Verwaltung von Daten sind sprechende Nummern nicht unbedingt notwendig, so die Schlussfolgerung bei W+A. Bei Bedarf können gespeicherte Stammdaten mit beliebigen Zeichenfolgen durchsucht und selektiert werden. Die tägliche Arbeit mit den Nummern sollte zudem möglichst einfach sein, weshalb man eine maximale Länge von sieben Stellen festlegte.
Die Nummern der Anlagengüter wurden aus praktischen Gründen beibehalten. Einerseits waren sie bereits im alten System nach den BIV (Betriebsinterne Verrechnungssätze für Bauinventar des Baumeisterverbands) erfasst und andererseits hätte eine Neunummerierung der Anlagen zur Folge gehabt, dass z. B. alle Maschinen mit der neuen Nummer hätten ausgezeichnet werden müssen.
Eine weitere Ausnahme wurde bei der Neunummerierung von Projekten gemacht. Hier wurde der Ansatz gewählt, dass die neue Projektnummer zusammengesetzt wird aus der Kundennummer und einer fortlaufenden Nummer für jedes weitere Projekt mit dem Kunden. Die Überlegung dahinter ist die Vereinfachung der Sortierung bei Auswertungen. Die alten Projektnummern wurden für laufende Projekte in das neue System übernommen, so dass die Belege in einer Übergangszeit sowohl die alte als auch die neue Projektnummer aufweisen.
Struktur der Stammdaten
Die W+A Gruppe besitzt zwei grundlegende Arten von Stammdaten: Adressstammdaten und Anlagestammdaten. Adressstammdaten sind die Basis für die Debitoren-, Kreditoren- und Lohnbuchhaltung sowie für die Serviceverträge mit Kunden. Anlagestammdaten (Bauinventar) sind die Basis für die Anlagenbuchhaltung, Disposition von Maschinen, für Gebrauchs- und Verbrauchsgüter (Diesel, Giftstoffe, Harze etc.) sowie für interne Serviceverträge (Service Management).
Bei der Definition der Stammdatenstrukturen orientierte sich W+A zunächst an den Standards oder Gepflogenheiten der Branche. Wo diese Gestaltungsspielraum liessen, wurde geschaut, ob und welche gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen waren. Erst an dritter Stelle folgten eigene Spezifikationen.
Wie Adressstammdaten als Basis für die verschiedenen Anwendungsbereiche bei W+A dienen, zeigt die folgende Abbildung (Abb. 5). Die Adress-Nr. 1700 ist die von Thomas Baumgartner. Wenn Herr Baumgartner Kunde bei W+A wird, erhält er die Kunden-Nr. 1700, wenn er Mitarbeiter wird, erhält er die Personal-Nr. 1700. Herr Baumgartner ist beides, denn er lässt den Service für sein Privatfahrzeug von einem Betrieb seines Arbeitgebers ausführen.