Aufbau und Betrieb einer Tierverkehrsdatenbank

01. December 2001



Diese Fallstudie beschreibt den Aufbau und Betrieb einer Tierverkehrsdatenbank. Diese Projekt wurde im Rahmen einer Public-Private-Partnership umgesetzt. Im Vordergund stehen die Aspekte des Public Relationship Management mit den Perspektiven Kundenprozess, Multikanal und Portal. Anhand des Projektes werden die Auswirkungen eines Multikanal-Konzeptes auf die Kosten der Standardprozesse sowie kritische Erfolgsfaktoren aufgezeigt.


1. Einf├╝hrung

Im Mai 1999 hat sich das Bundesamt f├╝r Veterin├Ąrwesen (BVET) entschieden, den Auftrag f├╝r den Aufbau einer Tierverkehrsdatenbank und deren Betrieb (Tierverkehrdatenbank AG, TVD AG) ihrem Informatikpartner CSC Switzerland AG zu ├╝bertragen. Bei der TVD AG handelt es sich um eine Gesellschaft, die eigens f├╝r die Realisierung dieses Projektes gegr├╝ndet wurde und breit in den Kreisen der Landwirtschaft [1] abgest├╝tzt ist. Rechtlich gesehen ist mit dem Projekt ein Public-Private-Partnership (PPP) [2] realisiert.

Dieser Beitrag beschreibt vor allem die im Arbeitsbericht erkl├Ąrten Aspekte des Public Relationship Management - mit den Perspektiven Kundenprozess, Multikanal und Portal. Er zeigt zudem, inwiefern sich ein Multikanal-Konzept auf die Kosten der Standardprozesse auswirken kann, und welche kritischen Erfolgsfaktoren es bei der Realisierung von solchen eGovernment Projekten zu ber├╝cksichtigen gilt.

Ausgangslage:
Die Schweizer Landwirtschaft steht unter hohem Kosten-, Qualit├Ąts- und Konkurrenzdruck: Einerseits ist der Fleischkonsum in der Schweiz aufgrund der Skandale und Seuchen r├╝ckl├Ąufig, andererseits ist ein Export in die EU ohne Tierverkehrskontrolle und Herkunftsnachweis nicht mehr m├Âglich. Um diesen Problemen entgegenzuhandeln entschloss sich das schweizerische Parlament im Rahmen der neuen Agrarpolitik, die Erfassung der Tierbest├Ąnde und die Kontrolle des Verkehrs mit Klauentieren neu zu regeln. Ziel war es, "[...] die Tiergesundheit und die ├Âffentliche Gesundheit zu f├Ârdern, das Vertrauen der Bev├Âlkerung in Fleisch und andere Produkte vom Tier zu st├Ąrken und die Vorraussetzungen f├╝r den Zugang zu internationalen M├Ąrkten f├╝r Schweizer Tiere und von ihnen stammende Lebensmittel zu verbessern.


2. Zielsetzungen der TVD AG

Kern der Tierverkehrskontrolle bildet eine zentrale Datenbank, welche den Lebensweg der Klauentiere von der Geburt bis zur Schlachtung aufzeichnet. Betroffen sind also nicht nur die Landwirte, sondern alle Personen und Institutionen, welche die Tiere auf ihrem Lebensweg begleiten (z.B. die Z├╝chter, M├Ąster, H├Ąndler etc.). Die Tierhalter sind verpflichtet, die Klauentiere zu kennzeichnen, Begleitdokumente auszustellen, das Tierverzeichnis zu f├╝hren und die Daten der TVD AG zu melden. Die Bearbeitung der zentralen Datenbank und deren Betrieb wird in der Verordnung ├╝ber die Tierverkehrs-Datenbank vom 18. August 1999 geregelt. Folgende Verantwortungsbereiche gab das BVET daher der TVD AG ab:

  • Aufbau und Betrieb einer nationalen Datenbank f├╝r die Registrierung von Klauentieren mit einer Datenbankzentrale und einer Datenaufnahmestelle.
  • Zuteilung und Abgabe von Ohrmarken f├╝r die Kennzeichnung der Klauentiere an alle Betriebe und Privatpersonen, welche Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen oder Hirsche halten.
  • Bereitstellen der technischen Hilfsmittel f├╝r das Melden von Geburten und Bewegungen von Rindern.
  • Bearbeiten von Meldungen der Tierhalterinnen, Tierhalter und der Schlachtbetriebe.
  • Bearbeiten von Anfragen der zugriffsberechtigten Amtsstellen und privaten Systembeteiligten.


Die TVD AG ist der Kristallisationspunkt f├╝r die Erleichterung der Kommunikationswege von der Tierhaltung bis zum Konsumenten.


3. Realisierung

Die Voraussetzungen f├╝r die Realisierung des Projekts waren ideal: Die gesetzlichen Grundlagen wurden geschaffen, dank privatwirtschaftlicher Ausrichtung bestand eine hohe Flexibilit├Ąt, die Finanzierung war gesichert (der Bund trug die Kosten f├╝r den Aufbau, die Halter die Kosten f├╝r den Betrieb) und es bestanden klare Zielsetzungen in Bezug auf Zeit und Betriebskosten. Zudem konnten die Prozesse neu gestaltet werden.

Der Kundenprozess:
Er umfasst die Verwaltungsleistungen, die der Kunde zu einem f├╝r ihn sinnvollen Ganzen zusammenfasst, um ein Problem zu l├Âsen. Bei der TVD AG sind die Kunden Landwirte, Metzger, Schafhirte, etc., welche die Klauentiere auf ihrem Lebensweg begleiten und gem├Ąss gesetzlicher Vorgabe die erforderlichen Daten der TVD AG melden m├╝ssen.

In Bezug auf den Tierverkehr besteht das Pflichtenheft des Tierhalters grunds├Ątzlich aus vier Punkten: Kennzeichnen der Klauentiere, Ausstellen der Begleitdokumente, F├╝hrung des Tierverzeichnisses und Meldung der Daten an die TVD AG. In Anlehnung an das im Arbeitsbericht erw├Ąhnte Phasenmodell erwartet der Kunde folgende Leistungen von der TVD AG, die ihm ├╝ber verschiedene Kan├Ąle angeboten werden sollen:

  • Informationen ├╝ber Produkte / Leistungen, gesetzliche Grundlagen, Organisation der TVD AG, News, etc.
  • Einfaches Zugangsmanagement
  • Bezug von Ohrmarken und Formularen
  • M├Âglichkeit zur Meldung von Geburten, Bewegungen, Schlachtungen, etc.
  • Abrufen von Best├Ąnden
  • Zugang zu einem Helpdesk und Zusatzleistungen (Schulungsunterlagen, FAQ, Statistiken, Empfehlungen f├╝r das richtige Anbringen der Ohrenmarken, etc.)


Multikanal-Konzept:
Die Leistungen der TVD k├Ânnen ├╝ber drei Kan├Ąle bezogen werden:

  • Internet-Applikation: Passwortgesch├╝tzter Zugang, Online-Pr├╝fung der Daten und direkte Speicherung in der Datenbank. Diese Konzeption beschr├Ąnkt die Nachbearbeitung auf ein Minimum.
  • Post und Meldekarte: Die Tier-Bewegungen bzw. -Geburten und -Schlachtungen k├Ânnen mit einer Karte gemeldet werden, welche der Kunde per Post der TVD AG zustellt. Diese Karten werden dann mittels eines Scanners direkt in die Datenbank eingelesen.
  • Telefon: Das Interaktive Voice Response System (IVR) erlaubt die numerische Eingabe der Daten per Frequenzwahltelefon und f├╝hrt eine Plausibilisierung der Daten durch.


Zudem existiert ein Helpdesk, der entweder per Telefon oder eMail kontaktiert werden kann. In Zukunft soll es auch m├Âglich sein, die Transaktionen ├╝ber mobile Handhelds durchzuf├╝hren.

Durchschnittlich werden knapp 100'000 Meldungen pro Monat mit dem Telefon und ├╝ber das Internet ausgef├╝hrt (Stand 07.2001) . Das entspricht 45% aller Meldungen und die Tendenz ist weiterhin steigend. Interessant ist ein Kostenvergleich des Meldewesens der Kan├Ąle Internet und Post. Folgende statistische Auswertung gibt eine ├ťbersicht ├╝ber die Kostenfaktoren:

Abbildung 1: ├ťbersicht ├╝ber die Kostenfaktoren
Abbildung 1: ├ťbersicht ├╝ber die Kostenfaktoren



Dieser Vergleich verdeutlicht das Kosteneinsparungspotential eines interaktiven Internetkanals. Verst├Ąndlicherweise liegt das Interesse der TVD AG darin, dass m├Âglichst viele Meldungen ├╝ber den Internetkanal get├Ątigt werden. Aus diesem Grund wurde eine Informationskampagne gestartet, bei der den Ben├╝tzern die Vorteile des Internetkanals aufgezeigt wurde, wie z.B. die Online-Pr├╝fung der Daten welche ein One-Stop erlaubt. Die relativ niedrige Computer-Abdeckung der Kunden war zu Beginn problematisch. Mit einem innovativen Ansatz wurde dieses Problem teilweise gel├Âst, indem mit Hardwarelieferanten eine Vereinbarung zum Bezug von verbilligten Computer getroffen wurde.


4. Das Portal: Die TVD Website

Auf der Web-Site www.tierverkehr.ch werden im Sinne von One-Stop die Leistungen, die der TVD-Kunde f├╝r die Bearbeitung des Tierverkehrs braucht, geb├╝ndelt. Dadurch erhalten die Kunden eine Anlaufstelle f├╝r ihre Anliegen. Dieser

One-Point-Shopping - Gedanke erwies sich wichtig f├╝r die Akzeptanz bei den Benutzern. Im Rahmen der Interaktion werden sowohl Informations-, Kommunikations- als auch Transaktionsdienste angeboten, welche den Kundenprozess vollumf├Ąnglich unterst├╝tzen:

  • Informationsdienste: Informationen ├╝ber Leistungen, gesetzliche Grundlagen, News, Links zu Verwaltungsstellen, etc.
  • Kommunikationsdienste: Auskunftsm├Âglichkeit via eMail, Zugang zum Helpdesk mit Computer-Telefon Integration (CTI), Download von Formularen, etc.
  • Transaktionsdienste: Ohrmarkenbestellung, Geburten- und Bewegungsmeldung, etc.

Auf der eGovernment-Matrix ergibt sich somit folgender Abdeckungsgrad:

Abbildung 2: Abdeckungsgrad TVD AG

 

Abbildung 2: Abdeckungsgrad TVD AG

5. Technische Konzeption

Mit der TVD AG wurde ein bisher nicht existierender Gesetzesauftrag wahrgenommen, der es erlaubte, alle Prozesse neu zu definieren. In einem ersten Schritt wurden die Prozesse zwischen den Benutzern und der TVD AG definiert, anschliessend die Back-Office Prozesse modelliert. Die CSC Switzerland AG ├╝bernahm die Programmierung der Gesch├Ąftslogik, des Datenaufbaus sowie der Schnittstellen zu den dazugekauften Softwarepaketen (Finanzen, IVR, Helpdesk, etc.). Die Konzeption der TVD AG erlaubte eine Prozessintegration mit dem Kunden, innerhalb der Unternehmung als auch mit Lieferanten / Partner. Auf diese Weise konnten die funktionsbezogenen Arbeitsteilungen effizient und effektiv in Beziehung gesetzt und die notwendigen Informationen an den Entscheidungspunkten zur Verf├╝gung gestellt werden.

Die technische Architektur l├Ąsst sich wie folgt darstellen:

Abbildung 3: technische Architektur der TVD AG

 

Abbildung 3: technische Architektur der TVD AG

6. Kritische Erfolgsfaktoren

Bei der Realisierung der TVD AG wurden, wie bereits dokumentiert, ideale Vorraussetzung f├╝r die Realisierung eines eGovernment Projektes vorgefunden. Dies entsprach einer wichtigen Grundlage, war aber kein Erfolgsversprechen. Weitere Erfolgsfaktoren f├╝r das Gelingen waren:

  • Eine Vision, welche auf den aktuellen Grad der Verbreitung und Nutzung der Internet-Technologien angepasst wurde.
  • Eine klare eGovernment Strategie
  • Eine Innovations- und Vertrauenskultur.
  • Ein umfassendes Sicherheitskonzept und ein professionelles IT Management.
  • Ein geeignetes Vorgehensmodell.


[1.] Bei den Aktion├Ąren handelt es sich um 15 Organisationen und Firmen, u.a. Zuchtorganisationen, Grossverteiler und Fachverb├Ąnde der Fleischwirtschaft etc.. Weitere Informationen siehe unter: www.tierverkehr.ch.

[2.] Als Public-Private-Partnership (PPP) werden Kooperationsmodelle zwischen staatlichen und privaten Tr├Ągern bezeichnet, welche ├Âffentliche und private Verantwortung verbinden, wobei die Identit├Ąt der Partner und ihre Verantwortung bestehen bleibt. Vgl: Schedler/Proeller: New Public Management. S. 208f.


Owner/s of the solution

Bundesamt f├╝r Veterin├Ąrwesen
Industry: Public authorities/Social insurance/Police/Armed forces
Company size: Medium-sized enterpriseBundesamt f├╝r Veterin├Ąrwesen

Solution partner/s

Andreas Blaser, Managment-Consultant
CSC Switzerland AG

Case study author/s

Joel Meir
Institut f├╝r Wirtschaft und Verwaltung IWV

01. December 2001
Meir; Joel (2001): Arbeitsbericht Nr. 4 des CCeGovernment: Gesch├Ąftsprozesse im eGovernment - Ein ├ťberblick; S. 38 - 41.

For this case study no attachments are available.
1700
tvd-ag
https://www.experience-online.ch/de/9-case-study/1700-tvd-ag
1
Cookies make it easier for us to provide you with our services. With the usage of our services you permit us to use cookies.